Textil mit Stil - Konfektion unter der Lupe

Endlich war sie da - die Gelegenheit, das neue Designerkostüm zu tragen! Das Business-Lunch mit wichtigen Geschäftspartnern im gehobenen Restaurant war der Rahmen, in dem „Smart Business" angesagt war. Zeit also, das sündhaft teure Ensemble aus matt schimmernder Seide in dieser unglaublich angesagten Farbe (O-Ton der Verkäuferin: „Das ist DER Trend diesen Herbst") endlich aus dem Schrank zu holen, wo es auf sein ‚Debut' gewartet hatte.

Gut, dass sie - nennen wir sie Sabine - ein passendes Top gleich dazu gekauft und auch ein Paar Schuhe gefunden hatte, das total ‚en vogue' war und dem Outfit den richtigen Pfiff gab... Jetzt, bei Tageslicht, sah das Teil aber irgendwie anders aus: Da hingen ein paar Fäden von den Nähten als seien sie hastig abgeschnitten worden, der Knopf des Blazers war lose und würde sich mit dem nächsten Öffnen oder Schließen lösen und der Rocksaum konnte schon jetzt Nachnähen vertragen.

Kommt Ihnen die Situation bekannt vor? Sabine jedenfalls hat sich geärgert. Ein vierstelliger Betrag für ein Glas Prosecco, motivierende Komplimente einer Verkäuferin - und ein Kostüm, das erstmal nach genäht werden muss?

Früher wurde der Qualitätsanspruch an die Verarbeitung von Textilien ‚subcutan' mit der Erziehung vermittelt. Nicht, dass dieser Anspruch jemals in Frage gestanden hätte!
Aber heute tut er das: Die Generation, die mit preisgünstiger Massenware groß geworden ist, ist inzwischen volljährig - und mit ihr bewegt sich eine neue Klientèle in den Läden, die Qualität kaum definieren kann - auch wenn sie gutes Geld verdient.

Ob für kleines, mittleres oder großes Geld: Wenn Sie schon ein Auge auf ein Kleidungsstück geworfen haben, dann werfen Sie bitte auch eines hinein! Lieblose und hastige Verarbeitung nämlich lässt sich an ein paar Merkmalen schnell erkennen (dafür brauchen Sie kein Studium der Bekleidungstechnik).

Lose Knöpfe, sich lösende Säume oder nicht abgeschnittene Naht-Enden wie in Sabines Fall gehen gar nicht. Betrachten Sie sich das neue Stück in aller Ruhe, am besten liegend: Sind rechte und linke Seite (z.B. bei einem Sakko / einer Jacke) synchron, gleichmäßig in der Länge von Abnähern, der Reversbreite und der Breite und Größe von Taschen / Taschenklappen? Sind Krägen und Kanten auch glatt - und nicht durch gebügelt? Ist der Stoff gleichmäßig und auch seitlich der Nähte ohne Gewebeschäden (kann beim Nähern passieren)? Sind die Abnäher gut ausgebügelt und machen keine „Tüten" an den Enden?
Dann betrachten Sie die Stichlängen, indem sie eine Naht leicht quer dehnen: Bei Konfektion rechnen Sie mit ca. 4 Stichen pro Zentimeter, bei Hemden und Blusen mit etwa 10 Stichen.

Öffnen und schließen Sie Knöpfe und Reißverschlüsse auf Leichtgängigkeit. (Ein Herrensakko muss mit einer Hand zu öffnen sein!) Und schauen Sie sich noch das Innenleben an: Hat das Ärmelfutter genug Längenzugabe, dass der Ärmel nicht zieht? Finden Sie am Saum und in der hinteren Mitte genügend Bewegungszugaben des Futters? Sind alle Futternähte flach und wellen nicht? Sind die Saumzugaben vom Oberstoff bei Hosen und Röcken genug (in der Regel 4 cm), dass man das Teil länger machen könnte?
Gefällt Ihnen, was Sie sehen? Dann werden Sie auch bei Tageslicht Spaß an Ihrer neuen Kleidung haben. Denn gut verarbeitete Kleidung sollten Sie sich wert sein!


Ihre Katharina Starlay

StarKatharina Starlay, Jahrgang 1966, ist Unternehmensberaterin in Kleiderstilfragen und Designerin für Corporate Couture. Neu ist ihre eigene Business Couture Kollektion für reisende Geschäftsfrauen - stilvoll und vorstandssicher.

Die Modedesignerin arbeitete neun Jahre als Führungskraft in der Mode- und Kosmetikbranche. Sie berät Entscheider und Unternehmen in Image-Fragen und trainiert Serviceteams und Personen in allen Fragen rund um den modischen Auftritt im Business und die persönliche Wirkung im Öffentlichkeitskontakt. Außerdem entwirft und produziert Sie Firmenkleidung (Corporate Couture). 2008 gründete sie
Stilclub.de, ein Onlineportal zur Beantwortung von Stilfragen in Lexikonform, in dem Sie als Besucher auch Fragen stellen können.

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