Schuldneratlas Sachsen 2004 - Pleitewelle auf Raten
Eigentlich ist jeder verschuldet. Da ist die Rate für die Stereoanlage, dort die offene Rechnung des Versandhauses, hier ein Kredit fürs Auto. Ganz normal; doch der Absturz in die Zahlungsunfähigkeit geht rasant. Plötzlich ist etwa die Arbeit weg - und der Gerichtsvollzieher vor der Tür.
So etwas passiert immer mehr Deutschen. Und auch fast jeder elfte Sachse ist überschuldet und damit zahlungsunfähig. Das belegt eine neue Studie der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, die der SZ vorliegt. Dabei geht es Sachsen noch vergleichsweise gut - nur die Bayern und Baden-Württemberger haben weniger Privat-Pleitiers. Doch selbst in den reichen Bundesländern gibt es wie überall immer mehr überschuldete Haushalte.
Statistisch ist jeder zehnte Deutsche zahlungsunfähig. 2003 war es noch jeder Vierzehnte. Verschärft wird das Finanzfiasko durch die Neuregelung der Arbeitslosenhilfe seit Beginn des Jahres. „Hartz IV bringt in einer beachtlichen Anzahl an Haushalten Finanzierungskonzepte zum Knacken. Da fallen beachtliche Summen weg", weiß Heidrun Wolf, Schuldnerberaterin bei der AWO Sonnenstein in Dresden. „Zum einen betrifft es Haushalte, die jetzt als Gemeinschaft betrachtet werden und nur noch einer ALG II erhält. Dann sind bis zu 600 Euro weniger da. Zum anderen betrifft es Einzelpersonen, die sehr viel Arbeitslosenhilfe bekommen haben und jetzt von bis zu 1 000 auf 331 Euro abstürzen." Betroffene können dann oft Raten nicht mehr bezahlen - der Gläubiger verlangt die Gesamtrückzahlung des Kredits, so die Schuldnerberaterin.
Sechs bis acht Wochen muss ein Schuldner mittlerweile auf einen Beratungstermin warten. „Das ist mit Sicherheit noch nicht das Ende", prophezeit Siebo Woydt, Geschäftsführer der CEG Creditreform Consumer GmbH. „Aufgrund der wirtschaftlichen Lage ist mittelfristig keine Verbesserung in Sicht, eher eine Verschlechterung." Bundesweit ist Berlin trauriges Schlusslicht. Hier ist jeder Siebte überschuldet.
In Sachsen gibt es in Leipzig, Zwickau und Plauen die meisten privat überschuldeten Haushalte. In Leipzig stieg ihr Anteil sogar um 50 Prozent. Dahinter folgen die Regionen Delitzsch, Torgau, Oschatz sowie der Stadtbezirk Chemnitz.
Anderswo gehen die Verbraucher vorsichtiger mit dem Schulden machen um: Der Mittlere Erzgebirgskreis gehört mit 5,7 Prozent bundesweit zu den besten 30 Landkreisen. Auch sind kaum Oberlausitzer überschuldet - obwohl hier fast jeder Vierte keine Arbeit hat. „Die Ursachen liegen in der Überalterung der Region bei vergleichsweise hohen Renten. Außerdem verschuldet sich die ältere Bevölkerung aus Tradition seltener", weiß Thomas Schulz, Prokurist bei Creditreform Dresden.
Doch immer mehr Oberlausitzer fragen seit Jahresbeginn um Rat, so die Verbraucherzentrale Sachsen. „Die Situation wird sich für die Betroffenen verschärfen. Dafür haben wir in unseren Beratungen erste Anzeichen, beispielsweise können Betroffene ihre Leasing- oder Kreditraten oder ihre Versicherungsprämien nicht mehr zahlen", beobachtet Andrea Hoffmann, Referatsleiterin für Finanzdienstleistungen.
Dass viele die Hoffnung aufgegeben haben, ihre Schulden allein bewältigen zu können, zeigt sich auf den Fluren der Amtsgerichte. Denn immer mehr versuchen auf diesem Weg, ihre Schulden los zu werden. Fast 46 000 Deutsche stellten im vergangenen Jahr einen Antrag auf Verbraucherinsolvenz. Das sind über 37 Prozent mehr als 2003 - in Ostdeutschland stieg die Zahl sogar um 50 Prozent. Damit steht der Einzelne sogar erstmals schlechter da als die Unternehmer. „Derzeit gibt es mehr Insolvenzen von Privatpersonen als von Unternehmen", so Siebo Woydt.
Als Auslöser gelten vor allem Arbeitslosigkeit, Scheidung oder ein Leben über die eigenen Verhältnisse. Fast genauso wichtige Ursachen sind der plötzliche Tod des Partners oder Krankheit - bei weiterlaufenden Kreditraten. Sofort können dann viele Versicherung und Steuern fürs Auto nicht mehr bezahlen oder werden von der Hypothek des eigenen Hauses finanziell erdrückt. Häufig wird auch das Handy zur Kostenfalle. Denn der Schuldensumpf schluckt nicht nur Erwachsene, sondern auch immer mehr Jugendliche.
Quelle: Sächsische Zeitung, 11.02.2005